Deine Eltern haben nicht studiert. Niemand erklärt dir wie das funktioniert. Dieser Guide füllt genau diese Lücke.
Dieser Artikel ist für alle die als Erste in ihrer Familie studieren — und sich fragen was sie nicht wissen was sie nicht wissen. Keine Klugscheißerei, sondern das was fehlt wenn niemand in der Familie studiert hat.
Du weißt nicht wie man einen BAföG-Antrag stellt. Du hast keine Ahnung was eine Lehrveranstaltungsanmeldung ist. Du verstehst nicht warum manche Kommilitonen so selbstverständlich über "Credits" und "Workload" reden als wäre das normal.
Das ist kein Zeichen dass du nicht hierher gehörst. Das ist ein strukturelles Problem — das Studium wurde jahrzehntelang für Menschen designed die schon wussten wie es funktioniert.
Laut Deutschem Zentrum für Hochschul- und Wissenschaftsforschung (DZHW) sind fast 40 % aller Studierenden in Deutschland Kinder aus Nicht-Akademiker-Familien. Du bist nicht allein.
Nicht danach. Nicht im ersten Semester rückwirkend. Das Formular gibt es online (bafoeg.bmbf.de) und beim Studierendenwerk. Frist: Antrag einreichen bevor das Semester beginnt.
Niemand sagt dir wann du kommen musst. Niemand schreibt dir wann Prüfungen sind. Du bist für deine Anmeldung selbst verantwortlich — wer die Frist verpasst, hat meistens keine zweite Chance in diesem Semester.
Jede Lehrveranstaltung bringt Punkte (ECTS). Du brauchst eine bestimmte Anzahl um den Abschluss zu bekommen. Manche Kurse bringen 2 Punkte, manche 10 — das beeinflusst wie viel Zeit du investieren musst.
Jeder Profesor hat Sprechstunden. Du kannst hingehen und Fragen stellen. Kein Komilitone wird das nutzen — du schon. Das ist ein konkreter Vorteil.
Der Allgemeine Studierendenausschuss berät kostenlos zu Rechten, Problemen, sozialen Leistungen. Fast niemand weiß das.
Größte Beratungsplattform für Erstakademiker. Kostenlos. Über 10.000 ehrenamtliche Mentoren die selbst Erstakademiker waren. Beratung per Chat, Telefon, Events.
Fast jede Uni hat ein eigenes Programm für Studierende der ersten Generation. Beim Studierendenwerk oder Studienberatung fragen.
In der ersten Woche finden O-Phase-Events statt. Dort lernst du Kommilitonen und Fachschaftsmitglieder kennen die alle Fragen beantworten können.
Reddit r/Studieren, Discord-Server für Fachbereiche, Facebook-Gruppen der Studienorte. Für anonyme Fragen ideal.
Hat als Kind einer Nicht-Akademiker-Familie selbst erlebt wie es ist sich alles selbst beibringen zu müssen. Schreibt für StudierenGuru über alles was zwischen den Zeilen des offiziellen Studiumsführers fehlt.
Motiviert Studiert - Mit Dr. Daniel Hunold · 13 Min
Generation Erfolg · 5 Min
TEDx Talks · 5 Min
Wer als Erste oder Erster in der Familie studiert, betritt Neuland – und das in vielerlei Hinsicht. Kein Elternteil, das erklärt, was eine Sprechstunde ist. Kein Geschwisterkind, das die Hausarbeitsformate kennt. Kein familiäres Netzwerk, das Praktikumsstellen weitergibt. Gleichzeitig bringen Erstakademiker:innen etwas mit, das oft unterschätzt wird: eine außergewöhnliche Motivation, einen anderen Blick auf Bildung und die Fähigkeit, sich in unbekannten Situationen zu behaupten. Dieser Artikel richtet sich an alle, die diesen Weg gerade beginnen oder mitten drin stecken – mit ehrlichen Einblicken, strukturierten Tipps und verlässlichen Informationen.
Der Begriff „First-Generation Student" bezeichnet Studierende, deren Eltern keinen Hochschulabschluss haben. In Deutschland ist diese Gruppe größer als viele denken: Rund die Hälfte aller Studierenden stammt aus akademischen Elternhäusern, obwohl diese nur etwa ein Viertel der Bevölkerung ausmachen. Das bedeutet im Umkehrschluss: Kinder aus Nicht-Akademiker-Familien sind im Hörsaal strukturell unterrepräsentiert.
Das ist keine Frage von Intelligenz oder Fleiß. Es ist eine Frage von Kapital – nicht nur finanziellem, sondern vor allem sozialem und kulturellem. Wer zu Hause nie über Semesterpläne, Notenschnitte oder Bachelorarbeiten gesprochen hat, muss sich dieses Wissen im Studium erst aneignen. Das kostet Zeit, Energie und manchmal auch Nerven. Gleichzeitig ist es erlernbar – wenn man weiß, wo man anfangen soll.
Wer das erste Mal einen Fuß in eine Hochschule setzt, erlebt schnell, was Bildungsforscher als „Hidden Curriculum" bezeichnen: ein unsichtbares Regelwerk aus ungeschriebenen Erwartungen, Umgangsformen und Selbstverständlichkeiten, das nirgendwo in der Studienordnung steht. Dazu gehört zum Beispiel zu wissen, dass man Professorinnen und Professoren in Sprechstunden auch dann ansprechen darf, wenn man keine konkreten Fragen hat. Oder dass eine Hausarbeit nicht bedeutet, Wissen zusammenzufassen, sondern eine eigene Argumentation zu entwickeln.
Hinzu kommt das sogenannte Impostor-Syndrom: das anhaltende Gefühl, nicht wirklich dazuzugehören, obwohl man den Studienplatz durch eigene Leistung bekommen hat. Dieses Gefühl ist bei Erstakademiker:innen besonders verbreitet und kann dazu führen, dass Chancen nicht genutzt werden – Wortmeldungen im Seminar bleiben aus, Praktikumsbewerbungen werden nicht verschickt, Beratungsangebote nicht wahrgenommen.
Ein weiteres konkretes Problem ist die finanzielle Situation. Viele Erstakademiker:innen stammen aus Haushalten mit niedrigerem Einkommen und müssen neben dem Studium arbeiten. Das schränkt die Zeit für Lernen, Netzwerken und Praktika erheblich ein. BAföG → wäre hier ein wichtiges Instrument – wird aber nur von rund elf Prozent der Studierenden tatsächlich genutzt, obwohl deutlich mehr einen Anspruch hätten. Der Grund: Viele beantragen es gar nicht erst, weil sie sich nicht sicher sind oder den bürokratischen Aufwand scheuen.
Geld ist kein nebensächliches Thema, wenn man ohne familiäres Sicherheitsnetz studiert. Eine realistische Studienfinanzierung → zu planen ist deshalb eine der wichtigsten Aufgaben noch vor dem ersten Semester.
BAföG ist der bekannteste Baustein – aber nicht der einzige. In Deutschland gibt es dreizehn staatlich geförderte Begabtenförderungswerke, die Stipendien vergeben. Viele davon fördern ausdrücklich Studierende aus bildungsfernen Elternhäusern. Die Bewerbungsvoraussetzungen sind nicht zwingend ein Einser-Abitur: Engagement, Persönlichkeit und der eigene Hintergrund spielen ebenfalls eine Rolle. Wer das nicht weiß, bewirbt sich oft gar nicht erst.
Daneben lohnt es sich, hochschulinterne Förderangebote zu recherchieren. Viele Universitäten haben eigene Fonds, Notfalldarlehen oder Stipendienprogramme für Erstakademiker:innen. Diese sind oft weniger bekannt als die großen Förderwerke, aber deutlich leichter zugänglich.
Wer aus einem Nicht-Akademiker-Haushalt kommt, steht häufig auch vor der grundsätzlichen Frage: Studium oder Ausbildung? Beide Wege haben Vor- und Nachteile, die stark von der persönlichen Ausgangssituation abhängen. Eine Ausbildung bedeutet frühzeitiges Einkommen, einen direkten Berufseinstieg und – gerade in Mangelberufen – oft ausgesprochen gute Einstiegschancen. Ein Studium bietet langfristig häufig höhere Gehaltsperspektiven und mehr Flexibilität bei der Berufswahl. Das duale Studium verbindet beide Wege: Man verdient während des Studiums ein Gehalt, sammelt Praxiserfahrung und schließt trotzdem mit einem anerkannten Hochschulabschluss ab.
| Kriterium | Studium | Ausbildung | Duales Studium |
|---|---|---|---|
| Dauer | 3–5 Jahre | 2–3,5 Jahre | 3–4 Jahre |
| Einkommen während | Keines (ggf. BAföG/Jobben) | Ausbildungsgehalt | Vergütung vom Unternehmen |
| Abschluss | Bachelor/Master | IHK/Kammerabschluss | Bachelor + Berufsabschluss |
| Praxisbezug | Mittel (Praktika) | Sehr hoch | Sehr hoch |
| Netzwerk | Hochschule, Kommiliton:innen | Betrieb, Branche | Hochschule + Unternehmen |
| Geeignet wenn | Klares Studienziel, Stipendium/BAföG möglich | Finanzielle Unabhängigkeit wichtig | Sicherheit + Abschluss gewünscht |
Wer als erste Person in der Familie studiert, erlebt Situationen, die sich kaum in Worte fassen lassen – bis man mit jemandem spricht, der dasselbe durchgemacht hat. Viele berichten von dem Moment, in dem sie zum ersten Mal in einem Seminarraum saßen und das Gefühl hatten, alle anderen wüssten genau, was sie tun. Dieses Gefühl täuscht fast immer. Aber es ist real.
Ein häufig genanntes Thema ist die Zerrissenheit zwischen zwei Welten: Das alte soziale Umfeld versteht manchmal nicht, warum man studiert, was das bringt und warum man nicht einfach arbeiten geht. Das neue akademische Umfeld fühlt sich fremd an. Diese kulturelle Distanz kann zu Isolation führen – und sie ist eine der am meisten unterschätzten Herausforderungen des Studiums als Erstakademiker:in.
Der Schlüssel liegt oft nicht darin, sich vollständig anzupassen, sondern darin, die eigene Perspektive als Stärke zu begreifen. Wer nicht aus einer akademischen Familie kommt, bringt häufig praktische Lebenserfahrung, Eigenverantwortung und eine Motivation mit, die sich nicht künstlich erzeugen lässt. Diese Qualitäten sind im Berufsleben gefragt – und in vielen Studiengängen ebenso. Der eigene Hintergrund ist kein Makel, der versteckt werden muss. Er ist Teil der Biografie und oft genug eine echte Kompetenz.
Gleichzeitig ist es wichtig, sich die Ressourcen zu holen, die einem niemand automatisch anbietet. Schreibzentren, psychologische Beratungsstellen, Mentoring-Programme, Auslandsstipendien – das alles existiert an deutschen Hochschulen. Die meisten Erstakademiker:innen wissen davon zu Beginn nichts oder trauen sich nicht, es zu nutzen. Das ist verständlich. Es ist aber vermeidbar.
Für manche Erstakademiker:innen ist ein klassisches Präsenzstudium aus familiären oder finanziellen Gründen nicht realisierbar. Wer einen Angehörigen pflegt, bereits arbeitet oder weit von einer Hochschule entfernt wohnt, denkt häufig über ein Fernstudium nach. Das ist ein legitimer Weg – aber er hat eigene Anforderungen, die man kennen sollte.
Ein Fernstudium verlangt ein hohes Maß an Selbstorganisation und intrinsischer Motivation. Es gibt keinen festen Stundenplan, keinen Hörsaal, der einen zum Erscheinen zwingt, und weniger spontane soziale Kontakte zu Kommiliton:innen. Wer sich diese Struktur nicht selbst aufbaut, läuft Gefahr, den Anschluss zu verlieren. Das Risiko für Studienabbrüche ist bei Fernstudiengängen nachweislich höher als im Präsenzstudium.
Gleichzeitig bietet das Fernstudium echte Vorteile: zeitliche Flexibilität, die Möglichkeit, parallel zu arbeiten, und eine ortsunabhängige Studiengestaltung. Wer diszipliniert genug ist und aktiv Wege sucht, soziale Isolation zu vermeiden – etwa über Online-Lerngruppen, Präsenzwochenenden oder Hochschulnetzwerke – kann dieses Modell erfolgreich nutzen. Wichtig ist, die eigene Arbeitsweise vorher ehrlich einzuschätzen.
Wer ein Fernstudium in Erwägung zieht, sollte außerdem die Kosten im Blick behalten. Viele Fernhochschulen sind privat und verlangen monatliche Gebühren. Diese lassen sich teilweise durch Bildungsprämien, Arbeitgeberförderung oder – je nach Anbieter – durch BAföG finanzieren. Auch hier lohnt sich eine frühe Beratung durch das Studentenwerk.
Eines der größten strukturellen Nachteile von Erstakademiker:innen ist das fehlende Netzwerk. Akademische Karrieren und Berufseinstiege laufen zu einem erheblichen Teil über informelle Kontakte – über Empfehlungen, Praktikumsplätze im Bekanntenkreis, Hinweise auf offene Stellen, die nirgendwo ausgeschrieben sind. Wer diese Kanäle nicht kennt oder nicht bedient, startet mit Rückstand.
Das lässt sich kompensieren – aber es erfordert aktiven Aufwand. Netzwerke entstehen nicht von selbst. Wer in Seminaren mitdiskutiert, Professuren nach Lektüreempfehlungen fragt, Fachschaftsarbeit macht oder Konferenzen besucht, baut langsam ein eigenes akademisches Netzwerk auf. Wer Studentenrabatte → für Konferenztickets, Fachliteratur oder Berufsverbände nutzt, spart dabei gleichzeitig Geld.
Sichtbarkeit im akademischen Umfeld ist keine Frage der Herkunft. Sie ist eine Frage der Strategie und des Muts, sich zu zeigen – auch wenn das zunächst ungewohnt ist. Wer die erste Person in der Familie ist, die studiert, ebnet damit auch den Weg für alle, die danach kommen. Das ist eine Verantwortung – aber auch eine Chance, die kaum jemand sonst hat.